Ein Interview mit E. A. Schbautzki über die drängenden Fragen der Zeit.

Nun Herr Kaubitzsch, wie ich von einem sehr ambitionierten Flaschensammler erfahren habe, wurden Sie im Frühjahr in den wärmenden Räumen des VIP-Bereichs (des Rudolf-Harbig-Stadions, Anm. d. Red.) schmatzend angetroffen. Es soll sich dabei um Pudding und Mehrfrüchtekompott gehandelt haben. Wackelpudding! Wie hat er Ihnen geschmeckt?

Schmackhafter Wackelpudding ist in der Tat eine große Herausforderung. Oft unterlaufen meines Erachtens nach selbst erfahrenen Köchen und sogenannten Hausfrauen bei der Herstellung grobe Fehler.

Das Catering im VIP-Bereich war delikat. Meine Hochachtung! Üblicherweise verzichte ich ja auf die mir häufig als Geschenke angebotenen VIP-Tickets. Da es sich dabei lediglich um ein von Kommerzialiserung betriebenes „Fühlen-Sie-sich-wohl-in-dem-Sie-mindestens-80-Euro-dafür-bezahlen“-„Event“ handelt, lehne ich solche Angebote stets mit der Begründung ab, ich sei mir nicht zu Schade für den Pöbel.

Zurück zum Wackelpudding. Es ist ja so: Ein Wackelpudding ist eine Delikatesse deren gustatorischen Ausmaße nur die wenigsten zu schätzen wissen. Ein guter Wackelpudding wackelt. Das ist das Non-Plus-Ultra (Nicht zu verwechseln mit der heimischen Ultrabewegung).

Darüber hinaus muss die Konsistenz genau den Grad zwischen fest und flüssig treffen. Als Drittes ist der Geschmack natürlich unverzichtbar: ob Schokolade oder eine Fruchtgeschmacksrichtung, wichtig ist es, dass der Geschmack gleich einschlägt, kurz abschwillt um dann den Höhepunkt einer zweiten Geschmacksexplosion einzuleiten.

Schlechter Wackelpudding ist eher wie die CSU. Steif und schmeckt nach Späne. Literarisch habe ich dieses Thema bisher noch nicht verarbeitet, es fällt mir schwer, kraft dieses ästhetischen Produkts, einen weiteren künstlerischen Zugang zu finden.

Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und zunehmender sozialer Problemlagen steht die Befürchtung im Raum, rechtsextreme und linksextreme Parteien erhielten neuen Zulauf. Wie stehen Sie bezüglich des Verfassungswiderspruchs zum Verbot insbesondere rechtsextremer Parteien?

Parteien sind klassicherweise Ansammlungen von Menschen mit etwa gleicher politischer Gesinnung. Oft wird dabei verkannt, dass politische Gesinnungen ihre Ursache in den Lebensumständen der jeweiligen Menschen haben. Politik ist ein Forum der Veränderung.

Menschen, die sich in Parteien organisieren, wollen ein Land verändern, weil sie glauben, dass es auf ihre Weise für alle anderen Menschen und sie selbt das Beste wäre. Das dabei natürlich ein arroganter Anspruch gestellt wird, sei erst einmal dahingestellt. Schon allein das Motiv, andere Menschen bevormunden zu wollen, gehört für mich ins Strafgesetzbuch. Konkret zu Ihrer Frage: In rechts- und linksextremen Parteien sammeln sich Menschen, die von der demokratisch-freihheitlichen Gesellschaft und Lebensweise nicht integriert wurden.

Sie sind die Verlierer einer Gesellschaft, die stark selektiert, ob im Bildungswesen oder in der Arbeitswelt. Die Deutungshoheit liegt bei wenigen Eliten der Gesellschaft. Menschliche Existenz in unserem Land ist abhängig von Gesetzesauslegungen und -definitionen.

Ein Verbot rechts- oder linksextremer Parteien wäre Symptombehandlung. Politik und Wirtschaft kann diese Parteien aktiv schwächen, in dem Denkweisen und Entscheidungslogiken überprüft und geändert werden.

Geben Sie Menschen eine Perspektive, das tun zu können, was sie am besten können. Geben Sie für ihre Leistungen Anerkennung und Wertschätzung.

Sie sagten auf dem vergangenen Kongress der letzten lebenden Liberalen, es gibt keine Gleichheit unter Menschen. Beginnt damit eine neue Geschichtsschreibung? Wie kommen Sie zu diesem Schluß?

Der Mensch ist ein Wesen, das sich permanent in der Entwicklung befindet. Lebenslanges Lernen. Lebenslange Umgestaltung von Persönlichkeit und Identität. Wissen, Erfahrungen und Fähigkeiten sind das Ergebnis der stetigen Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt.

Nehmen wir nun an, jeder Mensch habe genetisch und seelisch die gleichen Anlagen, die gleichen psychischen und physichen Voraussetzungen. Dann bliebe zu klären, ob jeder Mensch in der gleichen Umwelt aufwächst. Welchen Ort auf dieser Welt, sowohl sozial als auch lokal, gibt es ein zweites Mal? Keinen. Also können die Menschen untereinander auch nicht gleich sein. Gleichheit kann nur dadurch hergestellt werden, in dem die Unterschiede zwischen den Menschen ausgeblendet werden.

Aber wer will das schon? Wer will seine persönlichen Präferenzen aufgeben? Will auf Ressourcen verzichten, die für ihn unter ungleichen Umständen leicht zugänglich gewesen wären? Die Gleichheit unter Menschen ist ein Traum, eine Illusion und aus meiner Sicht kann diese Tatsache für immer bestand haben.

Halb Europa ist bald Pleite. Bereits 1986 prognostizierten Sie den Untergang der westlichen Welt. Wie stehen Sie zu den Finanzhilfen für Griechenland & Co.?

Ihre Frage spricht ein umfangreiches Themengebiet an. Aus einfacher, ökonomischer Sicht sind die Finanzhilfen natürlich ein Fiasko. Ein Land, das über seine Verhältnisse lebt, sollte demnach für die eigenen Verfehlungen aufkommen – mit allen politischen Konsequenzen. Dazu gehört natürlich Selbstkritikfähigkeit.

Die Politik, Verwaltung, Gewerkschaften und Menschen in Griechenland sollten sich ernsthaft fragen: Wo haben wir über unsere Verhältnisse gelebt und wo können wir jetzt sparen?

Natürlich ist es in Griechenland wie in jedem anderen westlichen Land: Es gibt keinen Schuldigen, keiner will die Verantwortung übernehmen, aber wenn die Fördertöpfe voll sind, aktiviert jede Interessengruppe ihre Lobbyisten um Geld zu scheffeln. Bedenklich.

Und diese Bestandsaufnahme macht keinen Halt vor Wohlfahrtsorganisationen. Alle sind betroffen, insbesondere das griechische Volk.

Nun zur systemisch-ökonomischen Sichtweise: Eine Finanzhilfe ist natürlich sinnvoll um den Wirtschaftsraum der Europäischen Union am Leben zu halten. Fällt Griechenland, fallen andere Länder mit.

Es gibt in diesem Sinne heutzutage keine nationale Wirtschaft mehr, weil jede nationale Wirtschaft mindestens mittelbar mit anderen nationalen Ökonomien verbunden und vernetzt ist.

Die Frage, die also bleibt, ist: Wer zahlt die Zeche? Ich bin dafür per Gesetz und Doktrin und Dekret alle privaten Banken der EU dazu zu verpflichten.

Jede private Bank soll einen Teil des Kredites stemmen, je nach Leistungsfähigkeit. Auch wenn Griechenland ganz schön gesoffen hat, den Wein hat die Finanzwirtschaft ausgeschenkt. Und der war alles andere als rein.

Sie sagten vor Kurzem in einem Interview mit einer bekannten Zeitung, Sie wären kein Talent, aber Künstler. Was meinen Sie damit?

Ich denke daran, was uns unsere Eltern gesagt haben: „Sei schön artig, pass gut auf, hier: dein Butterbrot. Lern gut für dein Leben.“ Und in der Schule wartete ein Lehrer und fragte: „Was soll aus euch werden?“ Da dachte ich an Boykott.

Ich werde doch nicht irgendwo geboren und gehe nicht in irgendeine Schule um meinen Weg vorbestimmt zu bekommen. Anderen ist der Weg vorgegeben, mir nicht.

Ich will nicht irgendeinen Multikulti-Begriff herausstampfen, aber sich mit einer Gitarre an den Straßenrand zu stellen und Hutgeld zu kassieren, ist doch friedlicher als jeder Angestelltenjob.

Lassen Sie mich es so sagen: Als Künstler brauchst du niemanden ärgern, weil es keiner erwartet. Und: Die Macht wächst proportional mit dem Geld.

Zu ihrer Frage, in welchem Kontext Talent und Kunst stehen, seit wann braucht ein Künstler Talent? Das sind doch alte Schuhe, die zieht sich keiner mehr an. Heute kann jeder alles. Das ist prima. Humboldt hat mit seiner Allgemeinbildungstheorie gute Samen gesät.

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Buch. Welches wäre das, und warum?

Was für eine Frage! Ich kann mich kaum zwischen Äpfeln und Bananen entscheiden und nun Ihre journalitische Herausforderung. Ich wäre gern eine Bibliothek: alles Wissen vereint und doch, in jedem Roman, jeder Liebesgeschichte steckt ein Hauch menschlichen Fühlens. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: die Bibel.

Ich wäre das meistgelesene, meistgedruckte Buch und die Wahrscheinlichkeit in der dynamischen Moderne verloren oder gar vergessen zu werden, ist gleich null.

Ich nehme es gleich vorweg: alle Versuche, dieses Buch zu lesen, sind gescheitert. Lag es an der altdeutschen Schrift, durch die sich mein Exemplar von 1934 auszeichnete, oder an der
Vorstellung, dass Menschen älter als 300 Jahren werden können? Ich weiß es nicht genau.

Man kommt auch ohne den Inhalt dieses Buches durch das Leben.

Sie wollen eine Religion gründen. Erzählen Sie mir mehr darüber.

Keinesfalls! Ich wurde in meinem Artikel in der Zeitschrift „Der Wachturm“ völlig missverstanden. Ich sagte nicht, ich wolle eine Religion gründen, sondern ich halte alle Religionen für Sünden. Religionen bieten Struktur im Wildwasser des Lebens. Einen Anker des großen Schicksalsdampfers, der in alle und doch in keine Richtungen zu fahren scheint.

Menschen, die orientierungslos sind, brauchen Struktur. Ich bin mir meiner ungefähren Ziele im Klaren. Ich finde es wahrlich heilig und edel, verschrieben sich die Religionen dem, was sie niemals ausschliesslich machten: Halt zu geben. Religionen heute sind Freibeuter, die sich an ganz gottesfremden Dingen bereichern um dann in Beichte und Predigt die Gemeinde beisammen zu halten. Ein schweres Urteil.

Ausschlaggebend war natürlich auch mein Telefonat mit Gott, gerade als ich im Lidl vor der Wursttheke stand. Er meinte, dass ich ruhig mal was aufbauen könnte, gerade jetzt, wo alle eine Krise haben, die anderen Götzen wären schon auf Kurzarbeit gesetzt, da käme ihm so ein junger Mensch ganz recht, der mal wieder ein bisschen Schwung in das alte Gerüst aus Welt und Religion bringt. Ich fragte ihn: „Salami oder Schinken?“ und er legte einfach auf.

Ich gebe zu, es kostete mich einige Mühen dies herauszufinden, aber Sie haben sich nicht nur der Literatur verschrieben: neben dem Friedensnobelpreis, den Sie für die explosionsfreie Atombombe bekamen, sind Sie auch der Verfasser der 12-bändigen Enzyklopädie: „Die neuartigen Grundlagen der höheren Mathematik“. Ausserdem sind Sie mit Ihrer Monographie „Der Urknall aus Sicht eines Phosphor-Atoms“ der erste, der wissenschaftlich korrekte poetische Lyrik verfasst hat. Welche Wissenschaftlichen Grundlagen definieren Sie derzeit?

Aktuell arbeite ich mit Josef Ackermann an der Neuauflage des Manchester-Kapitalimus. Wir wollen die Menschen noch effizienter ausbeuten und gleichzeitig die Renditen bis 2020 verzehnfachen.

Wir überlegen gerade, ob wir das Bargeld abschaffen um nur noch digital bzw. mit Karte zu zahlen. Einziges Problem: wir haben noch keine Lobbyisten.

Josef meinte, das wäre kein Problem, er hat noch irgendwo einen Bankenrettungsschirm unter dem sie sich verstecken können.

Oder besser gefragt: Über welchen existenziellen Erkenntnissen brüten Sie, wenn Sie den Laborkittel überstreifen?

Nun, so gesehen die alte Erkenntnis: Geld regiert die Welt. Der Rubel rollt. Der sonst als Floskel verschriene Satz wird Wahrheit. Seriös gesehen habe ich natürlich eine andere Erkenntnis: investiere nur in das, wovon du Ahnung hast.

Der Staat hat definitiv keine Ahnung von Finanzsystemen. Denn irgendwann, vor vielen Jahrhunderten, hat er das ja privatisiert. Seit diesem Zeitpunkt haben die Finanzsysteme eine Eigendynamik entwickelt, bei der der Staat höchstens Zuschauer ist.

Aus meiner Sicht sollten alle Banken, die durch die Krise Pleite gegangen wären, Pleite gehen. Die Darlehen der Wirtschaft sollten zuvor von den staatliche Banken (Sparkassen, Landesbanken) bzw. der Bundesbank (oder der KfW) ausgelöst werden. Die Ablösesummen hätte dann vielleicht einige Banken sogar gerettet.

In Ihrem aktuellen Werk spielen Sie mit den Klischees der Deutschen, dabei greifen Sie auf die guten, alten Großbuchtsaben zurück. Ein Sinneswandel?

Das ist es ja! Der Deutsche schreibt groß! Was für ein Klischee! Und was für ein Klischee, dass wirklich ist! Der Deutsche schreibt nunmal als einziger GROß. Er war ja auch immer größer als alle anderen. Stärker und schneller usw.

Der Deutsche denkt immer in großen Dimensionen. Nein, es soll nicht Schlesien sein, nicht Polen, nein – die ganze Welt soll es sein! Dieser Größenwahn der Hitlerjahre ist wohl etwas, dass als Arroganz in der Moderne zurückgeblieben ist. Tatsächlich scheint das Image der Deutschen weltweit zugenommen zu haben. Viele mögen uns. Wie toll!

Es ging bei diesem Werk darum, die Lächerlichkeit der Klischees vorzuführen, in dem konsequent mit ihnen gespielt wird. Letztens zum Beispiel, stand ich an am Gemüsestand und ein Deutscher sagte zu seiner türkischstämmigen Frau: „Die Kiwis sind noch hart. Die sind noch nicht gut.“ Was für eine Entwicklung! Wir Deutschen haben neue Prioritäten gesetzt. Ein Licht am Ende des Tunnels durch das harte Granitmassiv.

Als Sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Fernseher erfanden, wollten Sie damit der intelligenten und schönen Kunstform der „Literatur“ einen hirnlosen und einfältigen Gegner entgegenstellen, nur um zu zeigen, dass Wahrheit, Kunst und Freiheit nicht vernichtet werden können. Nun, da die Unterlegenheit so auf der Hand liegt: Werden sie das Ende der Fernseh-Ära literarisch begleiten? Und: wird man es live übertragen?

Ja richtig, das war damals ein schwieriges Projekt, prinzipiell gab es eine starke Konkurrenz, die tatsächlich meinte, mit Fernsehen bilden zu können. Ein schwerer Irrtum. Manfred von Ardenne, mein damaliger Mitstreiter und guter Freund, sagte einmal: „Die Natur strahlt vor edlem Glanz. Der Fernsehapparat ist einfach nur matt.“

Paradox an unserem Vorhaben war ja, dass wir die bestehende Freiheit ausnutzten um ihre Unverwundbarkeit zu testen. Literarisch wird der Niedergang des Fernsehens keinesfalls begleitet, über eine Live-Übertragung der Abschaltung der letzten Fernsehstation würde ich mich natürlich amüsiert zeigen, vor allem um danach die Gesichter des Medienpopanz zu sehen.

Ich werfe Ihnen mal seicht ein Wort zu: Pseudonyme. Kein Autor hat bisher unter soviel verschiedenen Namen geschrieben wie Sie. Nachdem Sie mit Kopfgeburt Tolkien in nur einem Jahr quasi eine Fantasieepoche starteten, erlangten Sie unter dem Decknamen „Bernhard Schlink“ mit dem Nachkriegssexualitätsdrama „Der Vorleser“ große Anerkennung – wobei ich ehrlich gesagt ihre Fortsetzung „Der Zuhörer“ als eigentliches literarisches Wunderwerk ansehe. Zu welcher „Tarnkappe“ greifen sie als nächstes, um sie aus einem Ihrer frühen Werke, dem „Nibelungenlied“, zu zitieren?

Wissen Sie, grundsätzlich sind die Zeiten vorbei, in denen man zu Pseudonymen greift. Sie waren ja gewissermaßen immer ein Schutz vor politischer Verfolgung.

Heute, in unserer starken Demokratie, kann ich endlich unter meinem echten Namen veröffentlichen: E. A. Schbautzki.

Herr K., Sie haben ja ein ganzes Stück Literaturgeschichte schon erlebt, aus erster Hand sozusagen. Bertolt Brecht zum Beispiel widmete Ihnen einen ganzen Band Aphorismen „Geschichten vom Herr K.“. Und auch in Goethes Faust hatten Sie eine kleine Nebenrolle als Mephisto. Welche Weltliteratur wird Ihr nächstes Abenteuer hervorbringen?

Ja, wenn Sie mich so fragen, ist das ganze sehr heikel. Autor und Publikum leben in einem stetigen Spannungsfeld: Der Autor soll überraschen, geradezu überzeugen und das Publikum soll applaudieren. Keine leichten Rahmenbedingungen.

Ich plane zur Zeit einen Blockbuster, wie Sie sicherlich wissen, spielen mir da meine großzügigen Kontakte nach Hollywood (USA) in die Hände. Ich verrate Ihnen schon mal den Titel des Entwurfes: „Give me my money back.“

Sie stehen bereits mit 21 Jahren im Zenit ihres Lebens. Die Ziele scheinen unbekannt. Was werden Sie machen?

Ich werde erstmal schauen, was das Glück für Tücken hat. Ganz zufrieden kann man nie sein, man hat ja immer was zu tun. Auch mal unangenehme Sachen.

Wenn ich an Kinder denke, dann auch an Windeln. Ich lasse mich ungern beunruhigen durch die steilen Karrieren meiner Generation. Das sind Meteoriten. Die verglühen irgendwann. Ich bleibe bodenständig. Ein Haus, ein ordentliches Auto, eine Frau und kleine süße Kinder, das ist doch natürlich.

Sie fallen stark durch subtil-provokante Texte auf. Ranicki bezeichnet sie schon als Brandstifter der Verlagshäuser. Wie kommen Sie mit Ihren Themen bei den Verlagen an?

Man soll ja die Hand nicht beißen, die einen füttert. Die Verlage und Autoren stehen da in einem engen Verhältnis. Ich würde es mir nie erlauben, einem Verlag meine Skripte zu geben. Die Geschäftsführer und Lektoren sind doch einfallslos und unfähig, Literatur als Sprengsätze mit Intellekt zu betrachten. Vor 100 Jahren waren Bücher noch die Urheber von Revolutionen. Heute will das keiner mehr, aber mit dem Hier und Jetzt ist auch keiner zufrieden. Also wenn ich das in aller Öffentlichkeit sagen darf, die Eliten schießen da weit über’s Ziel hinaus.

Schon manches Buch hat eine Gesellschaft bereichert, statt die Verhältnisse umzuwerfen. Wir reden auch von Streitkultur. Nun frage ich Sie: Worüber wollen wir denn überhaupt streiten? Über die Abgasnorm? Energiepolitik? Elterngeld? Ach was, das sind doch gemachte Dinge. Da stehen die Entscheidungen vor den Entscheidungen. Man muss über die Fundamente streiten: Wer hat wie wo das Sagen.

Ein kurzer Exkurs in Ihre Biografie: Sie haben sich für alles interessiert, nur für die Schule nicht. Abi mit 3,0, bereuen Sie Ihre Einstellung?

Den einzigen Fehler, den ich gemacht habe, ist die Fresse zu halten. Das bereue ich. Ich hasse das deutsche Schulsystem, aber nicht die Lehrer, Direktoren und Spezialisten, ich hasse auch nicht meine Klassenkameraden, weil sie Markenklamotten tragen. Und ich auch. Ich hasse die Theoretiker von deutscher Seele, die den Lehrern die Kräfte und Phantasie mit ihren bürokratischen Ketten fesseln.

Das ist eine Frechheit, dass man sich in einem modernen Staat rechtfertigen muss, wenn man neue Wege gehen will. Der Staat behandelt 12-jährige wie Kleinkinder, raubt ihnen die Stimme, kein Wunder, dass sie sich die Anerkennung woanders suchen. Perspektivlosigkeit beginnt nicht mit dem Schulabschluss, sondern mit der Einsicht, nicht gefragt zu werden. Wenn ich auf Ihre Frage zurückkomme. Nein, ich bereue nichts. Ich würde es wieder tun, denn ich habe mehr über das Leben gelernt als über irgendein Fach und das ist in jungen Jahren ein schweres Pfund, denn das Leben wartet überall.

Sie finden in Ihrer Arbeit als Elementarpädagoge Glück. Sie sind glücklich und werden das lange sein, bis…

… bis ich die Kinder verliere, alle anderen gegen jede Form der Bewegung sind und meine große Liebe mich verlässt. Aber das sind Dinge, die stehen solange außer Frage, bis ich nicht mehr überzeugt bin, richtig zu leben. Wo finden wir unser Glück? In einem Haus, Auto, Frau und Kindern? Oder im Lesen eines Buches? Oder ist Glück eine Zeit? Ich lebe im Glück. Hans im Glück zum Beispiel. Er wanderte die ganze Zeit durch das Land und war glücklich dabei. Weil er wanderte? Weil er Menschen sammelte? Wir leben Glück zu finden und so zu leben, dass wir dieses Glück erhalten.

Glück ist persönlich, einzigartig. Glück ist auch eine Illusion. Denn unsere Vorstellungen von Glück korrelieren stark mit den Vorstellungen der Gesellschaft. Ein Haus, ein Auto, eine Frau und Kinder sind Vorstellungen der „westlichen“ Welt. Von denen wurde ich geprägt. Auf einem anderen Kontinent sieht das wieder anders aus. Aber auch schon beim Nachbarn. Wir reden oft davon, glücklich werden zu wollen. Die wenigsten nehmen sich das auch vor.

Denn wer Glück hat, wird beneidet. Und Neid ist böse. Aber warum? Weil es Menschen gibt, die trotz Erdrotation die eigene Bewegung vergessen. Die Ursache für „In-Jogging-Hose-auf-dem-Sofa“-Liegen ist keine Frage von körperlichen Dissonanzen. Es ist die Faulheit im Kopf. Wer sich nicht körperlich bewegt, hat auch keine Ziele mehr. Aber die Menschen darin zu belehren, wie sie ihr Glück finden, ist mein falscher Ansatz. Ich bin da eher wie die chinesische Regierung: Ich warte einfach, bis alles zusammenbricht.

Danke für diesen umfassenden Eingang in Ihre Überlegungen über Glück. Wenn ich das in den letzten Zeilen richtig höre, dann sind Sie der klassische Mitläufer?

Natürlich. Ich würde immer mitlaufen. Egal welches Regime. Den Selbstmord aus politischer Überzeugung zu wagen, halte ich für eine fatale und krankhafte Einstellung. Es gibt immer Fluchtmöglichkeiten. Nehmen wir das NS-Regime.

Ich wäre eingetreten, aber hätte auf Karriere verzichtet. Ich hätte mir einen Job gesucht, der wenig von mir verlangt und vor allem wenig Einfluss hat. Dafür hätte ich sogar auf Geld verzichtet. Ich beuge mich so dem Regime, kann aber Überleben und meine Basis für später legen. Wenn ich natürlich zu den Feinden gehöre, dann bietet sich das Exil an. Aber das ist eine Frage von Aufrichtigkeit.

Sie haben ja einen eng gestrickten Terminkalender, da ist es eine Exklusivität ein Interview mit Ihnen zu bekommen. Wie kommen Sie mit dem Erfolgsdruck klar?

Erfolg ist irgendwo relativ und abhängig von den eigenen Zielen. Erfolg ist nicht nur die Summe richtiger Entscheidungen, er ist auch hausgemacht. Wenn ich mir vornehme ein Essen zu kochen und ich schaffe das, ist das ein Erfolg. So ist das dann auch mit der Lyrik.

Ich erwarte wenig, also gerate ich auch nicht unter Druck. Das ist unter Künstlern so üblich. Für Sie sieht das sicher anders aus. Sie dachten sich vielleicht, wie kriege ich den Kaubitzsch nur zu einem Interview? Dann haben Sie eine Menge richtiger Entscheidungen getroffen. Ich gratuliere Ihnen. (lacht)

Eines der letzten Gedichte greift sehr offen die kommunistische Utopie auf. Versteckte Sehnsüchte?

Das ist albern. Ich bin froh, dass der Aufbau des Kommunismus gescheitert ist. Stellen Sie sich vor, Benz hätte das Auto vorm Rad erfunden! Wir würden jetzt mit eckigen Rädern fahren… Ich sehe im Kommunismus eine Etappe der Menschheitsentwicklung, aber nicht ein Konkurrenzsystem zum Kapitalismus.

Der Kapitalismus verbrennt all die Menschen, die 1. nur an sich denken und 2. nicht an andere denken. Logisch. Ich könnte auch sagen, nicht ganz ohne biblischen Bezug, dass die Bescheidenen und Gewissenhaften überleben werden. Sie erwartet das Paradies. Unter Putin. Eine feine Sache.

Sie leben seit gut 28 Jahren in Ostdeutschland. Fühlen Sie sich als Ossi?

Was ist ein Ossi? Kleiner Scherz. Nach 21 Jahren lernt man seine Heimat sehr gut kennen. Ich bin in meiner Kindheit viel durch die Welt gereist und habe einige Einstellungen mitgebracht, die mir auch eine kritischen Blick erlauben.

Auch hinter die Verkehrsschilder. Ich komme aus einem gutbürgerlichen Milieu mit Patchwork-Familien-System. Mit dem stabilen Elternhaus hat das nie so geklappt, dafür waren wir nicht arm. Auch ein Vorteil. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Ostdeutsche ihre Heimat nicht verlassen. Nicht der Reiselust wegen, sondern weil ihnen das Geld fehlt. Mal ganz von denen abgesehen, die für fast immer gehen.

Die Arbeitslosigkeit ist ein Problem, dass man ernst nehmen kann, ich behandle das Thema eher kreativ. Der Kultursektor entdeckt Arbeitslose zum Beispiel als Akteure für Kulturprojekte. Eine tolle Idee. Oder der 1000-Euro-für-alle-Slogan der PDS, äh Linkspartei, äh WASG, ach nennen wir das Kind beim Namen: Sozialisten. Von diesem Vorschlag ist keine Substanz übrig geblieben.

Nun, auch ich schweife wieder ab, eine Krankheit vieler Intellektueller. Ich höre mich eben gern selbst reden, dann muss ich weniger zuhören.

Ich bin in erster Linie Deutscher. Viele meinen der Stadtbezirksfußballverein sei entscheidend, aber darüber kann ich nur spekulieren. Ich halte nichts von Lokalpatriotimus. Die meisten laufen ihm blind zu und übersehen dabei den Tellerrand und klatschen mit dem Kopf auf die Tischplatte.

Nun, ich merke Ihnen eine gewisse Weltmännlichkeit an. Sie sehen die Dinge global und wissen um die Subsidiarität. Wenn ich Sie einladen darf, mir Ihre Arbeit mit drei Worten zu charakterisieren, dann wären das…

Lebendig. Optimistisch. Hinkend.

Ich hatte kürzlich das Vergnügen mit Bundeskanzlerin Merkel zu sprechen. Dabei fiel auch Ihr Name. Kennen Sie sich gut?

Wir trafen uns vor einiger Zeit auf einem Banquett für arme Lyriker. Sie stand da am Büffet und schien etwas orientierungslos. So sind wir ins Gespräch gekommen. Sie ist äußerst sympathisch. Eine starke Frau, ich halte Frauen sowieso für intelligenter, meiner Meinung nach nur leider umgeben von maskulinen Vollidioten. Entschuldigen Sie, sonst habe ich nicht so einen Ausfall, aber bei diesem Thema kenne ich kein Fair-Play.

2013 war das Jahr wichtiger politischer Entscheidungen: Bewältigung der Finanz- und Staatsschuldenkrise, Dortmund gegen Bayern im Finale der Championsleague und die Bundestagswahl. Apropos Bundestagswahl: Darf ich fragen, wen Sie gewählt haben?

Sie dürfen. (Schweigt) (Lacht). Ich mache es kurz. Erststimme: SPD. Zweitstimme: Piraten. Für mich sind die Piraten bereits ein adäquater FDP-Ersatz geworden. Basisdemokratisch, liberal, innovativ.

Ich traue ihnen zwar keine Regierungsmehrheit zu, aber in Kombination mit einer Volkspartei können sie einen guten Draht zwischen Volk und Regierung bilden.

Die Zeit der Piraten wird noch kommen, wenn nämlich die digitale Kommunikation und Arbeit flächenddeckend eingetreten ist. Wenn der Umgang mit Software und Internet so selbstverständlich geworden sein wird, dass die Benutzung des PC oder einer anderen Schnittstelle nicht mehr als Barriere wahrgenommen werden wird.

Ich glaube alle anderen Parteien sind nicht glaubwürdig. Der SPD wünsche ich, dass sie endlich begreift, dass ihr „Arbeiterparteiimage“ nicht mehr zeitgemäß ist, wenn es bereits mehr Angestellte als Arbeiter gibt. Wenn sie diesen Bewusstseinswandel vollzieht, eröffnen sich auch neue Themen und Bevölkerungsgruppen.

Jedem unzufriedenen Demokraten empfehle ich, den Wahlzettel ungültig zu machen. Noch ignorieren die parlamentarischen Parteien diese Kategorie einer Wahl (wie auch die mangelhafte Legitmation ihrer Vertretung den Stimmen aller Wahlberechtigten zu Folge – Die Fraktion der Nichtwählerinnen und Nichtwähler wäre die zweitgrößte im Deutschen Bundestag!)

Es ist ja auch eine Frage des Extremismus: Die Demokratie, die nicht zuhört, die nicht spricht, die nicht widerspricht, stirbt am Vertrauenstod.

Es gab ein Mal ein Manifest, dass besagte: „Märkte sind Gespräche“. Nehmt euch ein Beispiel, Krawattenköpfe: Demokratie ist Dialog!

Ein Punkt noch zur Bundestagswahl: Die FDP, die Sie jahrelang mit Zweitstimme wählten, ist nach 64 Jahren aus dem Parlament ausgeschieden. Ihr Resümée?

Es war absehbar. Ich habe es ja sogar unterstützt! Die FDP braucht diesen Schnitt. Er schmerzt, tut weh, als liberal eingestellter Mensch besonders.

Was soll’s? Sie hat die Programmatik vergeigt, den Anschluss ans Volk verloren. Sich nicht erklärt, nicht mit sich reden lassen. Letztlich scheitert der Liberalismus der FDP (der meiner Meinung keiner ist) an Überfrachtung von Ansprüchen und der Blindheit vor der Realität.

Ich kann die freie Marktwirtschaft gutheißen, wenn die Voraussetzungen stimmen: Personalkosten sind überall gleich, die gesetzlichen Rahmenbedingungen auch. Die Kaufkraft sowieso. Dann funktioniert sie. Aber in einer sich entwickelnden Welt, wo noch genügend Staaten in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung hinterherhinken, da braucht es Verteilung und nicht Akkumulation.

Das große Ziel wäre der Liberalismus gewesen, wie der Sozialismus für DIE LINKE.

Ich schwanke nicht gern in Geschichte. Errungenschaften wie 64 Jahre Parlamentsbeteiligung, den ersten Bundespräsidenten stellen zu dürfen, im Grunde Urheber des Grundgesetzes und des Wirtschaftswunders zu sein, konnten leider weder die geistige Reifung hervorrufen, noch den nötigen Stolz befeuern, den eine liberale Partei immer braucht. Die Freiheit zu erklären ist eine schwere Aufgabe, erfordert Ausdauer, Gesprächsbereitschaft und Offenheit.

Ich dachte nach, über einen Eintritt, über ein Pamphlet, aber was soll’s! Der Liberalismus der FDP ist gescheitetert. Möge er neu entworfen werden. Von einer anderen Partei. Den Piraten, so hoffe ich. Vielleicht.

Kürzlich berichtete die Dresdner Morgenpost über eine Schmiererei am Kristallpalast. Ein Graffiti prankt auf der Front mit dem Satz: „Eure Liebe kotzt mich an!“. Böse Zungen der Kulturszene behaupten, Sie wären darin verwickelt. Was sagen Sie dazu?

Was soll ich dazu sagen, außer dass irgendein Boulevardschmierfink eine Beziehung zwischen mir und einer „Straftat“ herstellt? Ich kann nur vorsichtig hineininterpretieren, was der Autor damit meinte. Aber ich werde das lassen, sonst unterstellen Sie mir tatsächlich noch die Urheberschaft!

Bei aller Liebe! Sie können froh sein, dass ich, im Gegensatz zu Ihnen, besonnen und aufgeklärt an so einen Fall herangehe. Ganz klar ist, es will uns jemand ein Thema aufdrücken: Er oder Sie schreibt es in bunten, großen Lettern an eine Hauswand, an der jeden Tag viele Menschen vorbeigehen.

Ich persönlich mag so etwas nicht, weil es aufmerksamkeitserheischend ist und nicht sonderlich sachorientiert. Ich meine, was ändert sich schon nach so einem Ausspruch? Gerade dieser, der ja Raum für Interpretationen lässt?

„Eure Liebe kotzt mich an“ enthält immerhin Adressat und Absender. Jemandes Gefühl scheint jemanden zu überfordern. Nun, der Kristallpalast, an dem sich die „Schmiererei“ befindet, ist ein Kino. Nicht wenige Filme sind auch Liebesfilme. Vielleicht ist hier die Quelle des Ärgers zu suchen.

Ich persönlich nehme war, dass ich im Fernsehen und Kino im Grunde genommen immer die selbse Geschichte einer Liebe erzählt bekomme. Oft idealisiert, selten realistisch und extrem selten weise und bereichernd. Mich beschleicht dabei immer die Frage: War’s das? Soll’s das gewesen sein? Mann findet Frau, beide heiraten, bekommen Kinder und wenn sie nicht gestorben sind usw.? Inklusiver der Rollenklischées. Ich zweifle.

Meine Beobachtungen stimmen mit den Geschichten der Filme selten über ein: Ich erlebe Menschen, die ewig auf der Suche sind, von Partner zu Partner wechseln. Ich erlebe Menschen, die sich festgelegt haben und damit unglücklich sind. Ich erlebe Menschen, die sich festgelegt haben und sich mit kleinen Belohnungen darüber hinwegtäuschen, dass sie ihre Entscheidung bereuen.

„Die“ Liebe ist – das ist meine Erkenntnis – ein Irrtum. Sie gibt es nicht. Wer liebt, um selbst geliebt zu werden, sollte eher mit einem guten Freund oder einer guten Freundin reden, über Geschehenes oder Versagtes.

Früher hätte ich gesagt: „Liebe ist der Mantel der Fortpflanzung.“ Ich hatte mich getäuscht, weil es homosexuelle Paare, Objektliebe, Fetische etc. nicht erklärt bzw. diskriminiert. Liebe ist vielleicht ein Konsens: zwischen mir und einem anderen Menschen (oder Lebewesen oder Objekt). Dass man gemeinsam Lebenszeit verbringen möchte, so wie man gemeinsam als Kind mit jemanden gespielt hat. Und wenn man gerufen wird, dann verabschiedet man sich – und sieht sich vielleicht wieder.

Sie waren kürzlich zu Gast in der Talkshow von Markus Lanz. Dabei haben Sie gesagt, dass „Edward Snowden ein guter Demokrat“ sei. Wie meinten Sie das?

Ich versuche mich über einschlägige Onlinemedien über den Fall von Edward Snowden auf dem Laufenden zu halten. Wie auch immer die Menschen auf der Welt ihn oder sein Verhalten bewerten, es entsteht unweigerlich die Frage in meinem Kopf: Unter welchen Bedingungen darf ich mein Land verraten?

Zu erst einmal liebe ich es, bei solchen bedeutungsschwangeren Fragen die sprachliche Goldfeile hervorzuholen und sie genauer zu beleuchten. Verrät Edward Snowden wirklich sein Land? Oder eine Organisation seines Landes?

Wer fühlt sich verraten und wer ist das verraten worden? Sind das die selben Personen und Organisationen?

Stelle ich mir die Frage auch noch, wenn ich sie „runterbreche“? Auf meine Stadt, meinen Arbeitgeber, meine Familie? Gibt es jemanden, den ich niemals verraten darf? Und was schwingt alles im Wort „Verrat“ mit? Ist die positive Deutung nicht eigentlich: Ehrlichkeit. Wahrheit. Offenbarung. Die Befreiung eines Menschen aus einer objektiv oder subjektiv wahrgenommenen Spannung?

Liegt in der Offenbarung nicht auch eine Chance? Eine unangenehme zwar, aber eine Chance, die vieles zukünftiges auf solidere Beine stellt?

Die Frage schwebt nach wie vor durch meine Gehirnwindungen und will sich nicht setzen. Ich denke, es ist vielleicht eine maximal subjektive und individuelle Entscheidung, etwas zu verraten, was ex- oder implizit nicht verraten werden darf.

Es ist selbst für den „Verräter“ eine Herausforderung: Auf der einen Seite steht der sachlich dokumentierte und erkannte Missstand, auf der anderen Seite die Beziehungen zu Menschen, die ihm wichtig sind und die durch die Offenbarung möglicherweise Schaden erleiden oder die Angst, von der Gesellschaft, in er bisher gelebt hat, verstoßen zu werden.

Ich finde es wichtig, dass wir im Fall eines Verrates nicht nur einen Gerichtsprozess anstreben. Sondern auch eine ebenso wirksame Offenlegung über Motive und Erleben des Offenbarenden. Es muss ein Verfahren geben, dass die Redlichkeit und gleichzeitig das individuelle Leiden des „Verräters“ prüft und ggf. anerkennt.

Im Fall von Edword Snowden hieße das: Sollte er einem juristischen Prozess zugeführt werden, dann hoffe ich, dass er zuvor einem moralischen, psychologischen Prozess bekommt, in dem er sein Verhalten, seine Motive und sein Erleben schildern und unkommentiert, aber dennoch öffentlich und in der Diskussion mit Vertretern/-innen der Gesellschaft behaupten muss. Und das Ergebnis dieses Prozesses sollte auch nachvollziehbar den juristischen Prozess beeinflussen, wenn seine Motive und der Nutzen seiner Tat von der Zivilgesellschaft anerkannt wurden.

Als ich sagte, Snowden sei ein guter Demokrat, habe ich zur Grundlage benannt, was eigentlich (!) selbstverständlich sein sollte: Das man einander seine Meinungen frei äußern kann und das das respeketiert (!!), nicht unbedingt akzeptiert (!!!) wird. Er ist ein guter Demokrat, weil er das gelebt hat, was die Aufklärung vor 200 Jahren versucht hat zu etablieren: Das Demokratie eine sach- und lebensorientierte Gesellschaftsform ist, die klare Regeln hat, aber Zweifel an ihr zum Thema macht und den Dialog nicht scheut. Für mich ist einfach keine Demokratie, wenn es einen Geheimdienst gibt, der alle Widersacher der Gesellschaftsordnung zum Feind erklärt und dabei alle wohlgesonnenen Bürgerinnen und Bürger mitverdächtigt. Überhaupt halte ich gar nichts von Geheimdiensten. Sie sind für mich ein Mißtrauenszeichen: Des Staates in sein Volk, der Gegner der Demokratie in den Staat.

Sie finden Frauen intelligenter. Können Sie das näher ausführen?

Frauen haben in unserer Gesellschaft einen schlechten Status. Sie gebären uns, sie lieben uns und anschließend treten wir sie, um von ihnen los zu kommen und hindern sie an Karriere. Das ist traurig.

Wir reden immer von Menschen und haben dabei keine Ahnung von Fairness. Das ist vielleicht auch dieser Leistungspenetration geschuldet.

Wenn man ein Leistungssystem unterhält, gewinnt man starke Leistungsträger, aber frustrierte und schwache Teams. Deshalb klappt das Teamwork in Deutschland auch nicht so gut. Nur in flachen Hierarchien.

Sehen Sie, ich schweife schon wieder ab. Frauen haben mehr verdient. Wie wäre eine Quote? Nicht schlecht, oder? Aber irgendwie beschleicht mich ein schlechtes Gewissen. Ich dachte, die meisten Menschen seien erwachsen.

Ihr Tipp für die EM 2008?

Deutschland. Dumme Frage.

Sie haben mehr als 100 Werke verfasst. Gedichte, Kurzgeschichten, kleine Szenen. Wann hören Sie auf?

Ich höre auf, wenn ich keine Inspiration mehr habe. Solange ich lebe und liebe, „Auf und Ab“ erfahre, wird es immer etwas zu schreiben geben.

Ich hoffe nur, dass meine Leser nie sagen werden: Erik, wen interessiert’s? Das wäre für mich das einzige Ende von außerhalb.

Mein schwerster Feind ist die geistige Erosion. Wenn ich durch Hierarchien und Strukturen gehe, dann verliere ich überall ein wenig Rebell und Provokation. Ich werde angepasster, meine Werke werden harmloser, das bezeichnet man dann als Altersweisheit oder so. Ich habe am meisten Angst davor, irgendwann auf meine Werke zu blicken und zu sagen: Warum all das? Wenn mir der eigene Bezug verloren geht, ist es aus.

Sehen Sie, durch eine gewisse mir sehr vertraute Person, die ich sehr liebe, ist mir bewusst geworden, dass ich nicht mehr über alles schreiben kann. Vor einem Jahr noch gab es Sinnlosbeziehungen ohne Dauer und Wert, mit hohem Maß an Verachtung und Nichtigkeit meinerseits. Danach konnte ich wunderbar darüber schreiben. Aber diesmal… wünsche ich mir kein Danach. Ganz klar: Ich habe mich angepasst.

Sie haben auf der EU-Außenministerkonferenz in ihrer Laudatio davor gewarnt, die USA ohne die EU in Polen aktiv werden zu lassen. Es klang nach Unterstützung für das US-Raketensystem. Liege ich da richtig?

Nein, natürlich nicht. Damals appellierte ich eindringlich an die Einheit Europas und ihre – sicherlich nur spirituelle – territoriale Hoheit.

Polen gehört zur EU und sollte sich diplomatisch zeigen. Wohl oder Übel Bush ein Raketenabwehrsystem in Osteuropa installieren zu lassen, ist – denke ich – keine gute Idee. Die EU hat sich in den letzten Jahren langsam aber sicher auf den Weg nach Moskau gemacht, bis heute ist sie dort nicht angekommen. Ich denke, da stellt sich die Gretchenfrage: Europa, wie hast du es mit den Supermächten? Viele unterschätzen Russland und überschätzen die USA.

Betrachten wir den Grund des Aufbaus: Der Iran hat eventuell Nuklearraketen, die irgendwie über Polen hinweg die USA erreichen könnten. Gegenfrage: Könnten sie auch Russland erreichen? Putin war starker Vermittler zwischen der UNO und dem Iran, hier liegen wohl tiefere Militärinteressen im Hintergrund als ein atomarer Schlag gegen die USA.

Seit dem Irak-Krieg laufen den Sowjets und Chinesen die kleinen Nationen regelrecht in die Arme, in der Überzeugung sie seien dort vor einem Blitzkrieg sicher.

Meine Damen und Herren, wir befinden uns auf dem Weg einer Neuordnung der Welt. Die Russen verstehen ihre Rolle als Retter vor dem Retter ganz gut und zeigen diplomatische Klasse. Die Chinesen kaufen flächendeckend Ressourcen in aller Welt auf. Die EU muss der USA klar machen, dass sie die Entwicklung mit solch einem Projekt nur noch beschleunigt, ganz abgesehen von dem Wettrüsten.

Noch ein wenig große Politik. Bald findet in Heiligendamm das G8-Treffen, das Meeting der acht größten Industrienationen, statt. Wird man Sie Steine werfen und rebellieren sehen?

Nein, ich bin ja nicht blöd. Stellen Sie sich die BILD-Schlagzeile vor: DICHTER ZÜNDETE BRANDSÄTZE UND VERLETZTE ZEHN G8-GEGNER. Das will ich nicht wirklich.

Die Zeiten, in denen ich militantes Potential verspürte, sind vorbei. Heute kämpfe ich mit der Macht der Feder. Allerdings halte ich die angekündigten Demonstrationen für überflüssig. Die Leute haben zum Teil ein getäuschtes Verständnis von Demokratie.

Meine gute und langjährige Freundin Angela Merkel sagte in einer Videobotschaft, Forderungen friedlicher Demonstranten würden gehört werden. Ein seltsames Paradoxon, wenn zeitgleich Putin Homosexuelle verhaften lässt.

Vor zweihundert Jahren wurden Demonstrationen niedergeknüppelt. Ich bin ganz offen für solche Formen. Im Ernst: Sie glauben nicht, dass die Regierungschefs nur annähernd wahrnehmen werden, was die Welt von ihnen hält.

Das ist der Sinn der Freiheiten: Wir dürfen demonstrieren, weil demonstrieren nichts an den Verhältnissen ändert. Die bessere Variante wäre: alle G8-Gegner treten von heute auf morgen in eine kleine Partei ein, FDP, Grüne, es gibt genügend. Dadurch beginnt ein Prozess vor dessen Ausmaßen nicht mal die Herrn Regierungschefs und -chefinnen gewappnet wären.

Gute Gedanken, ich sehe, Sie sind auf Höhe der Zeit. Zur Abwechslung: Sie möchten Kindererzieher werden. Kein Schauspieler?

Ja, sicher überlege ich manchmal, meine Konzentration auf das Schauspielen zu legen. Vor allem, wenn es gutes Feedback gibt.

Aber ich denke mir: Ich könnte Kindererzieher, Schauspieler oder Schriftsteller werden. Das sind alles idealistische Berufe. Ob ich nun kulturell oder sozial aktiv bin, macht kaum Unterschied. Ich denke ernsthaft über ein anschließendes Schauspielstudium nach.

Sie hatten bereits als Dichter einige Auftritte (2/ Anm. d. Red.). Was haben Sie dabei empfunden?

Ich war berührt von der Offenherzigkeit der Gastgeber. Das Publikum war durchschnittlich langweilig. Die Mitpoeten hielten sich im Rahmen des braven. Nun, ich selbst war nicht unbedingt toll, hatte einen sinnlosen Auftritt. Ich werde das noch üben.

Höre ich da zurecht Enttäuschung?

Ein wenig. Ich bin zu den Auftritten um die Leute in Aufruhr zu versetzen. Stattdessen haben sie geklatscht. Was soll das? Was ist das für eine Kultur, wo keiner mehr aufspringt und sagt: „Halt die Fresse!“. Ein sicheres Zeichen für mangelnde Anteilnahme.

Ich war als Zuschauer bei einem Poetry Slam in Dresden. Es sprach ein studentischer Dichter vor, der seinen Groupie mithatte. Der Groupie ist nach seinem Auftritt aufgesprungen und hat ihn richtig angefeuert. Das war ein leuchtender Moment, da dachte ich: endlich regt sich einer.

Viele unserer gesellschaftlichen Probleme fußen auf Mangel an Anteilnahme. Ich meine nicht irgendwelche BILD-Gefühle und EXPLOSIV-Aktionen.

Die Leute sollen sich gegenseitig wahrnehmen, feststellen was dem anderen fehlt und was man selbst dazu beitragen kann. Wir leben stattdessen in einer nutznießerischen Lauerhaltung, gemäß dem Motto: „Ich tue dir etwas gutes, wenn du mir etwas gutes tust.“ Welch‘ trauriger Irrtum.

Ich kann nicht behaupten, dass ihre Antworten langweilig wären. Es steckt immer eine gewisse Tiefe darin. Haben Sie daran gedacht eine politische Schrift herauszubringen?

Ich habe bisher nur das Parteiprogramm der FDP aus dem Haus gebracht. Mehr nicht.

Ich denke, es gibt genügend Redner und Schriftsteller auf dieser Welt. Gemäß der Marktwirtschaft stellte ich fest, dass die Nachfrage nach Wahrheiten stagniert. Mit Lyrik verbindet sich immer der Auftrag zu kritisieren – positiv wie negativ -, aber das geschieht häufig durch Impulse.

Die eigentliche Auseinandersetzung mit der Politik findet dann in den Köpfen der Leser statt.

In einer Sonderausstellung von internationalen Künstlern im Museum of Modern Art Berlin haben Sie in Ihrer Rede gesagt: „Moderne Kunst ist sinnlos.“ Sie wurden daraufhin aus dem Saal geprügelt. Möchten Sie den Vorfall erklären?

Es gibt so einiges, was ich bisher erlebt habe, aber das übersteigt alles bei weitem. Sie glauben gar nicht, wie der Arzt geflucht hat, als er die Giacometti-Plastik aus meinem Hinterteil geschnitten hat.

Dabei war mein zentraler Leitgedanke doch gar nicht so abwegig. Auch die Künstler verrohen langsam. Nun gut, was soll ich dazu noch viel erklären.

Es zeichnet sich ab, dass alles, was mit „modern“ zu tun hat, sinnlos ist und wird. Beispiel: Sie kennen sicherlich die „moderne“ Architektur in den größeren Städten, die nur noch aus Glas und Beton besteht. Klar, vor fünf, sechs Jahren haben die Architekten argumentiert, dass diese Gebäude Brücken schlagen, in dem sie einerseits modern sind und andererseits in ihren riesigen Glasfassaden die historische Architektur spiegeln.

Aber, was ist, wenn die gesamte Stadtarchitektur nur noch aus Glasfassaden besteht? Moderne Kunst ist die billige Nutte des Kapitals! Es liegt doch auf der Hand, dass in Zeiten knapper Kassen auch bei der Kunst gespart werden muss. Zum Beispiel bei der Kreativität.

Also ich besuche jedenfalls kein modernes Museum mehr.

Im Moment ist in Sachsen die Hölle los: pikante Informationen über ein kriminelles Netzwerk von Mafia, Politikern und Beamten sind an die Öffentlichkeit gekommen. Grund zur Besorgnis?

Nein, auch hier gilt der Grundsatz: Wir haben es doch gut in Sachsen. Wir töten uns nicht, weil wir unterschiedlichen Parteien oder Religionen angehören, bei uns werden halt hier und da mal ein paar Steuergelder in den Sand gesetzt. Und ein paar Biografien geschändet. Das sind doch Sachen, die im internationalen Vergleich als Kavaliersdelikt durchgehen.

Ich bin natürlich insofern erschüttert, dass die Menschen sich nicht mehr wehren. Es ist doch trostlos, dass zum Beispiel die Leipziger nicht das Rathaus besetzen. Es interessiert keinen, nicht das fremde Leid, nicht das fremde Geld und fremde Entscheidungen.

Wir müssen uns mit der entpolitisierten Gesellschaft abfinden. Das ist der Tribut an die Demokratie.

Zurück zu ihrer Arbeit als Schriftsteller. Es fällt auf, dass Sie immer klein schreiben und ein „ß“ ist selten da, wo es sein müsste. Hadern Sie mit der deutschen Rechtschreibung?

In diesem Hinblick sind wir beide uns ziemlich nah. Sie arbeiten mit Sprache, genauso wie ich. Sie ist also der Ochse, der den Karren zieht, keine Frage, es ist nicht immer leicht, die richtigen Worte zu finden, aber im Zweifelsfall greift man auf Jugendslang zurück.

Ich schreibe fast ausnahmslos klein, weil ich der Meinung bin, dass Großbuchstaben unästhetisch sind.

Zwar stimme ich mit dem Vorteil überein, das Großbuchstaben besser lesbar sind, allerdings neige ich dazu, den Leser wie ein Kamel durch die Wüste zu treiben.

Das „ß“ ist hingegen mein unbeliebtester Buchstabe. Es hat weder einen Großbuchstaben, noch einen Stammplatz im Alphabet. Ich weigere mich, diesen Buchstaben als existent zu betrachten. Zu meiner Verwunderung wurde das „ß“ vor kurzem doch ins Alphabet aufgenommen und soll nun einen Großbuchstaben bekommen. Fürchterlich. Aber na ja, man kann die Leute nicht dran hintern, unwirklich zu arbeiten.

Paparazzi haben Sie vor kurzem mit Roland Emmerich und Steven Spielberg in einem Berliner Café gesichtet. Ein zweites Standbein?

Ja, nun, das Lyrik kein Goldesel ist, ist ja bekannt. Die Leute interessieren sich nicht mehr für private Theorien und Thesen. Vielleicht sind sie maulfaul geworden.

Jedenfalls traf ich mich im Café des Hotels „Ritz“ mit Emmerich und Spielberg. Sie haben mich gebeten in ihr neues Drehbuch reinzuschauen. Ich habe gesagt: „An der Wortwahl muss man noch feilen, das Storyboard ist sehr flüssig, dass muss man auch mit Worten unterstützen.“ Spielberg nickte, war recht angetan.

Über Preise redet man ja in Hollywood nicht mehr, seit dem die Ausgaben den neunstelligen Betrag überschritten haben. Hollywood ist so ziemlich die Symbolfigur des Kapitalismus: Produziert Reichtum am laufenden Band, nur bei den Menschen kommt nichts davon an. Traurig. Vor allem scheint sich auch die deutsche Filmbranche langsam dahinzubewegen.

Ich, für meinen Teil, versuche wenigstens etwas beizutragen, dass das System stilvoll untergeht.

Fast kaum jemand weiß etwas darüber: Sie sind bekennender Dynamo-Dresden-Fan. Wie kam es dazu?

Oh, da erwischen Sie mich auf dem richtigen Fuß.

Alles begann mit einer 2:3-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt. Ich glaube 1995 oder so. Jahreszahlen gehören in den Geschichtsunterricht. Wie jeder eine Macke, eine kleine heimliche Leidenschaft hat, so gehe ich ab und zu ins Stadion.

Auf die VIP-Tribüne habe ich es noch nicht geschafft, aber wer will da auch hin. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!

Die Zeiten für die SGD (Anmerkung des Autors: Sportgemeinschaft Dynamo Dresden) sind übel geworden, seit die goldenen Zwanziger herrschen. Der DFB, die Polizei, die Politik, eigentlich alle Menschen kommen nicht damit klar, wie in Dresden Fußball gespielt wird.

Es ist auch ehrlich gesagt schwer erschließbar, aber ein paar Eckdaten: 5 Millionen Arbeitslose, höhere Diäten für Abgeordnete, jährliche Schulschließungen.

Ich überlasse es den Verantwortlichen, die Gewaltexzesse zu beenden.

Ich schaue gern zu. Eingreifen tue ich nicht. Mir ist das zu unanständig, ich weiß manchmal auch gar nicht, worum es geht. Aber in gewisser Weise lockt dieses Image der wilden, unzähmbaren Fanatiker mein Herz jedes Mal ins Rund. Das wird übrigens abgerissen.

Deutschland braucht keinen sauberen Fußball, sondern saubere Menschen. Einschließlich den Führungspersönlichkeiten. Erklären Sie einem Hartz-IV-Typ am Kiosk, der eine Flasche Bier trinkt, warum Politiker und Manager ihr Gehalt selbstbestimmen dürfen, während der Typ an der Theke auf Arbeit wartet und mit der Mehrwertsteuer auf seine Flasche auch noch die Gehaltserhöhung mitfinanziert!

Fußball in Dresden ist kein Einzelfall, es ist die offene Wunde eines Systems. Normalerweise lasse ich mich zu solchen dramatischen Sätzen nicht hinreißen, aber Sie haben es geschafft.

Ich bin sonst auch nüchterner. Ich schweige dann immer.

Ich möchte näher auf Ihre Lyrik eingehen. Sie haben einen sehr markanten Schriftstil: fast ausnahmslos Kleinschreibung, viele Wortspiele und Weglassungen. Wie kam es zu dieser Ihrer Schriftkultur?

Zu erst muss ich erst mal sagen, dass es die Art jedes Künstlers ist, sich von einem anderen und dem gewöhnlichen Pöbel abzuheben.

Am Beispiel des Kunstprofessors Immendorff können wir sehr ausdrücklich sehen, wie das Prinzip funktioniert: hier und da ein paar hübsche Bilder, dort eine Nutte und da eine Line Koks für die Medien. Ich frage mich bei solchen Fällen immer, ob diese Gesellschaft und/ oder diese Medien wirklich so naiv sind, dass man sie mit ein bisschen Dekadenz beeindrucken kann. Schade um die Arbeit der ehrlichen Künstler wie mich.

Ich schweife ab, keine gute Angewohnheit, aber notgedrungenes Übel, um als Künstler mal seine Meinung loszuwerden.

Meine Schrift- und Schreibkultur befasst sich mit wesentlichen Punkten: durch Wortspiele sollen Interpretationsräume eröffnet werden. Vor allem solche, die wenige Worte brauchen. Die Kleinschreibung ist als Kontra zur deutschen Rechtschreibung und der mangelnden Tiefe der Schreibregeln anzusehen und die oftmals von unerfahrenen Lesern wahrgenommene „Holprigkeit“ der Weglassungen, dient der unterschiedlichen Tempi.

Oder sie soll einfach darüber hinwegtäuschen, dass ich keine Ahnung von Metren habe.